Wer an einer großen Kreuzung gleichzeitig mit einem anderen Fahrzeug abbiegt, muss in Sekundenbruchteilen die richtige Spur, den Kurvenverlauf und den übrigen Verkehr einschätzen. Beim mehrspurigen Abbiegen entscheidet deshalb nicht allein der grüne Pfeil, sondern vor allem die Fahrbahnmarkierung, die eigene Einordnung und die Rücksicht auf Radfahrende und zu Fuß Gehende. Ich zeige, wie die Regeln nach der deutschen StVO praktisch funktionieren und welche Fehler besonders häufig zu Unfällen führen.
Die wichtigsten Regeln lassen sich auf wenige klare Entscheidungen reduzieren
- Markierungen und Richtungspfeile bestimmen, welche Fahrtrichtung erlaubt oder vorgeschrieben ist.
- Beim parallelen Abbiegen gilt vor allem die Pflicht zum Spurhalten, nicht das Recht, spontan die Fahrbahn des Nachbarn zu kreuzen.
- Wer beim Abbiegen die Spur eines anderen Fahrzeugs quert, muss besondere Sorgfalt anwenden und darf niemanden gefährden.
- Radverkehr und Fußgänger müssen beim Abbiegen besonders beachtet werden. Wenn nötig, ist zu warten.
- Für Kraftfahrzeuge über 3,5 Tonnen gilt innerorts beim Rechtsabbiegen unter bestimmten Bedingungen Schrittgeschwindigkeit.

Was beim Abbiegen mit mehreren Fahrstreifen rechtlich zählt
Die zentrale Vorschrift ist § 9 StVO. Wer abbiegen möchte, muss den Vorgang rechtzeitig mit dem Blinker ankündigen, sich passend einordnen und vor dem Einordnen sowie vor dem Abbiegen den nachfolgenden Verkehr beobachten. Beim Rechtsabbiegen geht es grundsätzlich möglichst weit nach rechts, beim Linksabbiegen möglichst weit zur Mitte oder auf einer Einbahnstraße möglichst weit nach links.
Diese Grundregel beantwortet aber noch nicht jede Situation an einer Kreuzung mit zwei Abbiegespuren. Entscheidend ist, ob die Fahrbahn durch Leitlinien, Fahrstreifenbegrenzungen oder Richtungspfeile eindeutig führt. Je stärker die Kreuzung den parallelen Abbiegevorgang vorgibt, desto weniger darf man während der Kurve improvisieren.
| Situation | Was besonders wichtig ist |
|---|---|
| Eine Abbiegespur führt in mehrere Zielspuren | Am sichersten ist zunächst die nächstliegende Zielspur. Ein späterer Spurwechsel erfolgt erst mit ausreichender Prüfung. |
| Mehrere Spuren zeigen dieselbe Abbiegerichtung | Die Fahrzeuge dürfen grundsätzlich nebeneinander abbiegen. Beide müssen ihre Linie halten und den anderen nicht bedrängen. |
| Pfeile zeigen unterschiedliche Richtungen | Die vorgeschriebene Richtung muss beachtet werden, besonders wenn die Spuren durch Linien getrennt sind. |
| Keine klare Markierung im Kreuzungsbereich | Die allgemeinen Sorgfaltspflichten gelten. Wer die gedachte Linie des anderen kreuzt, darf nicht einfach weiterfahren. |
Ein Richtungspfeil ist dabei mehr als eine unverbindliche Empfehlung. Nach Anlage 2 zur StVO schreibt er die Fahrtrichtung vor, wenn zwischen den Pfeilen Leitlinien oder Fahrstreifenbegrenzungen markiert sind. Fehlen solche Trennlinien, können Pfeile trotzdem anzeigen, dass sich der Verkehr rechtzeitig nebeneinander einordnen soll.
So ordnest du dich richtig ein und hältst deine Spur
Vor dem Abbiegen prüfe ich zuerst drei Dinge. Welche Spur zeigt in meine gewünschte Richtung, welche Linie darf ich überfahren und wo soll mein Fahrzeug nach der Kreuzung voraussichtlich weiterfahren? Diese kurze Kontrolle verhindert mehr Missverständnisse als ein hektischer Blick kurz vor der Haltelinie.
Rechts abbiegen
Beim einfachen Rechtsabbiegen ordnest du dich möglichst weit rechts ein. Gibt es zwei markierte Rechtsabbiegespuren, bleibt das Fahrzeug auf der gewählten Linie. Der Fahrer auf der linken Abbiegespur darf nicht so eng nach rechts ziehen, dass er das Fahrzeug auf der äußeren Spur schneidet.
Führt eine einzelne Rechtsabbiegespur in eine Straße mit zwei oder mehr Fahrstreifen, ist die rechte Zielspur die sichere Standardlinie. Danach kann der Fahrer mit Blinker und Schulterblick auf die linke Spur wechseln, sofern dies nötig und gefahrlos möglich ist. Direkt beim Abbiegen mehrere Spuren zu queren, schafft unnötige Konflikte.
Links abbiegen
Beim Linksabbiegen gilt grundsätzlich eine möglichst mittige Einordnung, auf einer Fahrbahn mit nur einer Fahrtrichtung möglichst weit links. Sind mehrere Linksabbiegespuren vorhanden, müssen die Pfeile und die Trennlinien genau beachtet werden. Eine durchgezogene Fahrstreifenbegrenzung darf nicht einfach überfahren werden.
Ich halte es für einen der häufigsten Fehler, die Kurve schon vor der Kreuzungsmitte zu stark abzukürzen. Dadurch landet das Fahrzeug nicht in der vorgesehenen Spur, sondern gerät in den Weg des parallelen Abbiegers oder in eine Gegenfahrbahn. Eine ruhige, gleichmäßige Kurve ist hier meistens sicherer als ein besonders enges Abbiegen.
Rechtsabbiegen parallel und der scheinbare Vorrang
Besonders viele Unfälle entstehen, wenn zwei Fahrzeuge nebeneinander nach rechts abbiegen und die Markierungen im Kreuzungsbereich enden. Der Bundesgerichtshof hat für solche Fälle klargestellt, dass bei ausdrücklich ermöglichtem parallelem Abbiegen nicht automatisch das äußerste rechte Fahrzeug Vorrang hat.
Stattdessen gilt die Pflicht zum Spurhalten. Das rechte Fahrzeug muss seine möglichst rechte Linie einhalten. Das linke Fahrzeug muss den Bogen so wählen, dass es den rechts fahrenden Wagen nicht bedrängt. Beide dürfen also nicht plötzlich in die gedachte Spur des anderen ziehen.
Das ist kein Freibrief für unkontrolliertes Nebeneinanderfahren. Sobald ein Fahrzeug tatsächlich die Spur des anderen kreuzt, gelten besonders strenge Sorgfaltspflichten. Im Streitfall wird deshalb nicht nur gefragt, wer rechts oder links fuhr, sondern auch, wer seine Linie verlassen und dadurch die Kollision verursacht hat.
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Markierte und unmarkierte Kreuzungsbereiche
Bleiben die Fahrstreifen durch die gesamte Kreuzung hindurch markiert, ist die Sache vergleichsweise klar. Jeder Fahrer folgt seiner Spur. Enden die Linien an der Haltelinie, wird der nicht markierte Bereich rechtlich nicht automatisch zu einem normalen Spurwechsel, trotzdem muss jeder Beteiligte die Sorgfalt eines Spurwechsels einhalten.
In der Praxis bedeutet das: Geschwindigkeit reduzieren, nicht beschleunigen, den Wagen neben sich beobachten und bei unklarer Situation lieber kurz zurücknehmen. Ein vermeintliches Recht auf eine bestimmte Zielspur ist weniger wichtig als die Vermeidung einer seitlichen Kollision.
Linksabbiegen, Gegenverkehr und die Spurwahl nach der Kreuzung
Beim Linksabbiegen musst du entgegenkommende Fahrzeuge durchfahren lassen. Das gilt auch dann, wenn der Gegenverkehr nach rechts abbiegt. Ein entgegenkommender Rechtsabbieger kreuzt deinen Fahrweg normalerweise früher und hat deshalb Vorrang.
Treffen zwei Linksabbieger aufeinander, biegen sie in Deutschland grundsätzlich voreinander ab. Die Verkehrslage oder die Gestaltung der Kreuzung kann jedoch eine andere Fahrlinie erforderlich machen. Breite Mittelinseln, versetzte Einmündungen oder besondere Markierungen können dazu führen, dass die Fahrzeuge erst aneinander vorbeifahren müssen.
Bei mehreren Linksabbiegespuren ist die Zielspur nicht immer frei wählbar. Gibt es durchgehende Leitlinien, musst du ihnen folgen. Fehlen sie, ist es sinnvoll, zunächst die nächstliegende Spur zu nehmen, also bei einem normalen Linksabbiegen die linke Zielspur. Ein späterer Wechsel erfolgt erst nach dem Abbiegen und mit ausreichendem Abstand.
Besondere Vorsicht ist geboten, wenn eine der Zielspuren kurz nach der Kreuzung endet oder in eine Busspur übergeht. Dann darfst du dich nicht darauf verlassen, dass der andere Fahrer automatisch Platz macht. Endet eine Spur, greift gegebenenfalls das Reißverschlussverfahren, allerdings erst dort, wo die Spur tatsächlich endet und die Verkehrslage dies zulässt.
Fußgänger, Radverkehr und besondere Fahrzeuge
Beim Abbiegen musst du auf Radfahrende achten, die geradeaus fahren oder sich neben der Fahrbahn in gleicher Richtung bewegen. Das gilt auch, wenn du beim parallelen Abbiegen stark auf die andere Spur konzentriert bist. Der tote Winkel ist keine Entschuldigung dafür, vor dem Abbiegen nicht über Spiegel und Schulterblick zu prüfen.
Für zu Fuß Gehende verlangt § 9 StVO besondere Rücksicht. Wer eine Querung kreuzt und dadurch Menschen gefährdet oder behindert, muss warten. Das gilt praktisch unabhängig davon, ob die Ampel für das abbiegende Fahrzeug grün zeigt, sofern der Fußverkehr die freigegebene Querung benutzt.
Für Lastkraftwagen und andere Kraftfahrzeuge mit einer zulässigen Gesamtmasse von mehr als 3,5 Tonnen gibt es innerorts beim Rechtsabbiegen eine zusätzliche Regel. Wenn mit geradeaus fahrendem Radverkehr oder querenden Fußgängern zu rechnen ist, muss mit Schrittgeschwindigkeit gefahren werden. Ein Verstoß kann laut Bußgeldkatalog 70 Euro kosten.
Wer beim Abbiegen Fußgänger nicht besonders berücksichtigt und sie dadurch gefährdet, muss mit deutlich schwereren Folgen rechnen. Der aktuelle Bußgeldkatalog sieht dafür 140 Euro und ein einmonatiges Fahrverbot vor. Die konkrete Bewertung hängt allerdings vom tatsächlichen Verhalten, der Gefährdung und den Umständen des Einzelfalls ab.
Typische Fehler an breiten Kreuzungen
- Zu spät einordnen: Wer erst unmittelbar vor der Haltelinie die Spur wechseln will, bringt andere unnötig in Bedrängnis.
- Die Kurve abkürzen: Besonders beim Linksabbiegen führt eine zu enge Linie schnell in die falsche Zielspur.
- Auf den Blinker vertrauen: Der Blinker kündigt den Vorgang nur an. Er ersetzt weder Vorfahrt noch Schulterblick.
- Die rechte Spur automatisch als vorrangig ansehen: Beim ausdrücklich ermöglichten parallelen Abbiegen ist die Rechtsposition allein nicht immer entscheidend.
- Nach der Kreuzung sofort wechseln: Erst gerade ausrichten, Abstand aufbauen und dann den Spurwechsel durchführen.
- Radverkehr übersehen: Beim Rechtsabbiegen reicht ein Blick in den Innenspiegel oft nicht aus.
Mein wichtigster Praxistipp lautet deshalb, die Kreuzung nicht als eine einzige Kurve zu betrachten. Teile den Vorgang gedanklich in Einordnen, Warten, Abbiegen und Ausrichten. In jedem dieser Abschnitte prüfst du neu, ob deine Linie noch frei ist.
Die sichere Entscheidung für die nächste breite Kreuzung
Wenn Pfeile und Linien eindeutig sind, folgst du ihnen. Wenn mehrere Fahrzeuge parallel abbiegen, hältst du deine Spur und lässt dem anderen den nötigen Raum. Wenn die Markierung endet oder die Situation unklar wird, reduzierst du das Tempo und verhinderst jede Bewegung, bei der sich die Fahrwege kreuzen könnten.
Damit ist die wichtigste Regel einfach formuliert: Kein Abbiegevorgang ist so dringend, dass dafür ein unklarer Spurkonflikt erzwungen werden muss. Wer früh einordnet, sauber blinkt, Radfahrende und Fußgänger mitdenkt und erst nach der Kreuzung den nächsten Spurwechsel plant, fährt nicht nur rechtssicherer, sondern auch deutlich entspannter.
